Borreliose-Impfung
 
 

Borreliose-Impfung bei Hunden
Von Prof. Dr. Roland Friedrich, Direktor der Mikrobiologischen und Virologischen Abteilung
an der Medizinischen Universität Gießen und Mitglied im Deutschen Retriever Club,
Überarbeitete Version von November 2007

Vielfach hört man die Frage, ob man seinen Hund "gegen Zecken" impfen lassen soll. Es gibt jedoch keine Impfung "gegen Zecken", sondern allenfalls gegen einige der von Zecken übertragenen Krankheiten. Die bei uns bekanntesten sind die durch Bakterien hervorgerufene Lyme-Borreliose und die virusinduzierte FSME ("Frühsommermeningoencephalitis", eine Form der Hirnhautentzündung). Gegen einige der durch Zecken übertragbaren Krankheiten kann man impfen, so gegen FSME; wer in Deutschland südlich der Mainlinie wohnt und viel mit Zecken in Kontakt kommt, sollte sich selbst ggf. impfen lassen. Angaben über die Häufigkeit von FSME bei Hunden sind widersprüchlich, die meisten früheren Berichte darüber erwiesen sich als falsch: In Wirklichkeit handelte es sich meist um andere Krankheiten. In Deutschland ist FSME bei Hunden jedenfalls selten. Einen Impfstoff für Hunde gibt es derzeit nicht. Der in Deutschland erhältliche Impfstoff ist ausschließlich für den Menschen zugelassen. Ob eine FSME-Impfung bei Hunden in Deutschland überhaupt sinnvoll ist, erscheint wegen der Seltenheit der Krankheit zweifelhaft.

Anders steht es mit der Lyme-Borreliose, gegen die es in Mitteleuropa einen Impfstoff gibt - hier jedoch nur für Hunde, nicht aber für den Menschen. Die Lyme-Borreliose entwickelt sich bei Mensch und Tier meist schleichend: Am Beginn steht häufig die "Wanderröte" (Erythema chronicum migrans oder einfach nur Erythema migrans), eine sich um die Bissstelle vergrößernde Rötung der Haut, die allerdings beim Hund nur in Ausnahmefällen zu sehen ist. Von hier aus kann sich der Erreger ausbreiten, wobei es zu Gelenkbeschwerden, Schmerzen in Muskulatur, Sehnen und Knochen kommen kann. Spätere Stadien sind durch neurologische Störungen wie Hirn- und Hirnhautentzündung, Lähmungen sowie dem Befall innerer Organe (insbesondere Herz) gekennzeichnet; neurologische Komplikationen sowie eine Beteiligung des Herzens sind - anders als beim Menschen - beim Hund aber selten. Bei Tier und Mensch dominieren im Spätstadium oft die Gelenkbeschwerden, wobei die Bakterien dann mit modernen molekularbiologischen Methoden (PCR) oft in der Gelenkflüssigkeit (Synovia) nachgewiesen werden können. Beim Hund (insbesondere beim Golden- und Laborador-Retriever sowie beim Berner Sennhund) steht außerdem oft eine Nierenentzündung (Glomerulonephritis) im Vordergrund.

In Deutschland sind etwa 20 bis 30% aller Zecken der Art "Gemeiner Holzbock" (Ixodes ricinus) Träger von Borrelien, mit starken regionalen Schwankungen, wobei alles zwischen 5 und 90% möglich ist. Zum Glück aber erkranken längst nicht alle Menschen, wenn sie vom Erreger infiziert werden. Viele scheinen eine genetisch bedingte Resistenz zu besitzen. Von Wildtieren, die ja in großem Maß von Zecken gebissen werden, nimmt man an, dass sie vollständig gegen die Krankheit resistent sind. Durch die Domestikation ist die Borreliose-Resistenz bei Haustieren wohl aber teilweise verloren gegangen. Genaue Daten über die Resistenz gegenüber Lyme-Borreliose bei verschiedenen Hunderassen gibt es genauso wenig wie beim Menschen. Sicher ist lediglich, dass die meisten Hunde, die regelmäßig von Zecken gebissen werden, Antikörper gegen Borrelien in sich tragen ohne zu erkranken.

Ein geringer Prozentsatz infizierter Hunde erkrankt aber, da die gebildeten Antikörper offensichtlich nicht in der Lage sind, die Bakterien vollständig zu eliminieren. Die Behandlung der Borreliose durch Antibiotika über mindestens 3 bis 4 Wochen führt in aller Regel zum Verschwinden der Symptome. Obwohl Borrelien (im Gegensatz zu vielen anderen Bakterien) keine Resistenz gegen Antibiotika entwickeln können, gelingt es nicht immer, sie mit dieser Behandlung restlos aus ihren Nischen zu vertreiben. Wenig bekannt ist, dass Borrelien in Zellen eindringen können, wo sie von den meisten Antibiotika nicht oder nur schwer erreichbar sind. Doxycyclin, das auch intrazellulär wirksam ist, ist daher das Antibiotikum der ersten Wahl, sollte aber unbedingt ausreichend lange geben werden, um die sich langsam vermehrenden Borrelien sicher abtöten zu können. Auch die Gelengksflüssigkeit in den großen Gelenken, in denen sich Borrelien vermehren können, sind solche durch Antibiotika schwer zu erreichende Stellen. Bei einer Schwächung des Immunsystems, verursacht z.B. durch andere Erkrankungen oder hohes Alter, kann es zu einer Reaktivierung der im Versteck lebenden Keime kommen. In der Humanmedizin werden in solchen (seltenen) Fällen wiederholte Behandlungen empfohlen, durch die in aller Regel auch vermeintlich therapieresistente Fälle ausgeheilt werden können. Oft sind diese erneuten Erkrankungen aber keine Rezidive, sondern auf Neuinfektionen zurückzuführen. Borrelieninfektionen hinterlassen keine lebenslange Immunität!

Eine vorbeugende Schutzimpfung gegen die Lyme-Borreliose ist derzeit nicht für den Menschen, jedoch für den Hund erhältlich. Leider ist diese Schutzimpfung noch mit einigen Problemen behaftet:

1. In Deutschland und den Nachbarländern existieren (anders als in den USA) mehrere nah verwandte Erreger, von denen bisher mindestens 3 beim Menschen sowie bei erkrankten Hunden nachgewiesen wurden und die für das Entstehen der Lyme-Borreliose verantwortlich gemacht werden (Borrelia burgdorferi sensu stricto [s.s.], B. garinii und B. afzelii). In Europa werden B. afzelii und B. garinii für ca. 80 bis 90% aller Infektionen beim Menschen verantwortlich gemacht. Borrelia burgdorferi s.s. fehlt in Teilen Deutschland vollkommen, in anderen Teilen spielt diese Art nur eine untergeordnete Rolle. Der bei uns erhältliche Impfstoff "Merilym" (sprich: Merileim) ist gegen Borrelia burgdorferi s.s. gerichtet, die seltenere der drei genannten Arten. Jüngst (2007) konnte durch Straubinger und Mitarb. nachgewiesen werden, dass durch diese Impfung keine Immunität gegen die bei uns dominierenden Borrelien-Arten erreicht werden kann.

2. Dem Autor dieser Zeilen wird von Tierärzten und Hundebesitzern immer wieder berichtet, dass gesunde Hunde Stunden nach einer Impfung schwer erkranken. Eindeutige Beweise, dass die Symptome in diesen Fällen tatsächlich auf die Impfung zurückzuführen sind, sind aber schwer zu erbringen. Um einer Impfstoff-bedingten Erkrankung vorzubeugen, sollte, wenn überhaupt, keinesfalls in der Zeckensaison geimpft werden. Außerdem muss sichergestellt sein, dass die zu impfenden Tiere nicht bereits mit Borrelien infiziert sind - also keine Impfung ohne vorherigen sorgfältigen Nachweis, dass zumindest keine Borrelien-Antikörper vorhanden sind.

3. Wie oben dargelegt, ist ein erheblicher Teil aller bei uns vorkommenden Zecken Träger von Borrelien, wobei der genaue Prozentsatz von Ort zu Ort und Jahreszeit zu Jahreszeit variiert. Hunde, die viel im Freien sind und häufig Zeckenkontakt haben, sind daher meist mit Borrelien infiziert worden und haben Antikörper gebildet - in aller Regel ohne zu erkranken. Borreliose bei Hunden wird "hoffnungslos überdiagnostiziert", wie ein veterinärmedizinisches Fachblatt formulierte. Meist sind die beobachteten Symptome auf andere Erkrankungen zurückzuführen. Genauere Daten zur Erkrankungsrate sind nur beim Menschen bekannt. Eine Untersuchung in Heidelberg ergab, dass 3,5% aller von Zecken gebissenen Personen von Borrelien infiziert wurden. In den meisten Fällen kam es jedoch zu keinen weiteren Krankheitssymptomen außer der Wanderröte (und selbst die wird in weniger als der Hälfte aller Fälle beobachtet): Das körpereigene Immunsystem ist i. d. R. in der Lage, die Bakterien abzutöten. Daher wird davon ausgegangen, dass lediglich ca. 0,3 bis 1,5% der Zeckenbisse beim Menschen zu einer Erkrankung führen. Da in zeckenverseuchten Gebieten (wie beispielsweise in Mittelhessen) 90% der daraufhin untersuchten Hunde Borrelien-Antikörper tragen (wovon die wenigsten erkranken), ist davon auszugehen, dass die Zahl der Borreliose-resistenten Hunde weit größer ist als die der resistenten Menschen.

4. Leider sind die meisten serologischen Tests auf Borreliose (Tests auf Antikörper im Blut) schlecht und bringen einen hohen Anteil sowohl falsch positiver wie falsch negativer Ergebnisse! Nur wenige Labors beherrschen den Nachweis verlässlich (das gilt in der Humanmedizin ganz genauso)! Zu den besonders sicheren Methoden gehört der Nachweis der Borrelien in Kultur oder die PCR, eine moderne Methode zum spezifischen Nachweis von Erbmaterial (DNA). Untersuchungen an der Universität Zürich belegen, dass die allgemein verwendeten Methoden zum Nachweis von Borrelieninfektionen erschreckend unsicher sind. Das gilt selbst für die moderne PCR, die aufgrund ihrer hohen Empfindlichkeit so geringe Borrelien-Zahlen nachweisen kann, dass jede Hunde-Haut, die gelegentlichen Zeckenbesuch aufzuweisen hat, positive Ergebnisse bringen kann, wenn die Blutentnahme nicht mit entsprechender Vorsicht vorgenommen wird. (Siehe dazu den Bericht von Dr. Reiner, Zürich, auf der Homepage der Gesellschaft zur Förderung kynologischer Forschung. Eine ausgezeichnete Darstellung der Borreliose und der Schwierigkeiten beim Borrelien-Nachweis in der Veterinärmedizin finden Sie auch im Fachartikel von Dr. Peter Kopp.)

Nach dieser ausführlichen Beschreibung sollte nicht die eingangs erwähnte Aussage vergessen werden: Die Borreliose ist beim Hund sehr selten und wird vielfach falsch diagnostiziert. Wie viele andere Fachleute auch stehe ich aus all den genannten Gründen einer Borrelien-Schutzimpfung für Hunde derzeit skeptisch gegenüber. Ich hoffe aber sehr, dass es gelingen wird, auf lange Frist einen wirkungsvollen Impfstoff zur Anwendung bei Mensch und Tier zu entwickeln.

Das Beste, was man gegen die Hunde-Borreliose tun kann, ist wohl die Vorbeugung: Den Hund äußerlich mit einem der gegen Zecken wirksamen Mittel behandeln (Scalibor-Halsband, ExSpot, Frontline u. a.) und nach jedem Spaziergang gut nach den Tierchen absuchen.

©2001, 2007, Prof. Dr. Roland Friedrich, Gießen
Originalversion des Textes unter: http://www.r-m-l.de/faq/borrel.html